Die liberale Montags-Kolumne von Ramin Peymani, Autor von “Das Grauen”

Das Experiment: “Ground Zero” – blinde Wut und blinde Liebe

ground zero photo

Zum 15. Jahrestag der Terroranschläge auf die Gebäude des World Trade Centers habe ich ein Experiment durchgeführt. Das Ergebnis hat mich erschreckt, wenngleich ich auf einiges gefasst war. Gerade jene, die sich so gerne über mangelnde Meinungsfreiheit in Politik und Medien beklagen, versuchten mit üblen Attacken Kommentatoren einzuschüchtern, die anderer Ansicht waren. Es mangelte dabei nicht nur an der Toleranz für abweichende Sichtweisen, sondern vor allem am Respekt für Andersdenkende. Die aggressiven, beleidigenden und ehrverletzenden Tiraden überschritten jedes erträgliche Maß. Was war geschehen? Was könnte Menschen dazu verleitet haben, ihnen Unbekannte öffentlich derart zu beschimpfen? Anlass war ein aktueller Artikel aus einer Fachzeitschrift der European Physical Society (EPS). In dem Magazin für die EPS-Mitgliedsverbände bezweifeln vier Wissenschaftler, dass die beiden Türme des WTC sowie ein Nebengebäude allein durch einschlagende Flugzeuge, heißes Kerosin und umherfliegende Trümmerteile eingestürzt seien. Die Autoren behaupten, nur eine kontrollierte Sprengung könne dies bewirkt haben. Ich merkte an, dass es für diese Theorie keine Beweise gäbe, ein Fachblatt des Europa-Dachverbandes der Physik aber wohl kaum zum Kreis der Verschwörungstheoretiker gehöre und sich sehr wohl überlege, ob es eine derart brisante Einschätzung veröffentliche.

Innerhalb von Sekunden folgten wütende Angriffe. Ich hatte das Unaussprechliche getan: Ich hatte amerikanisches Regierungshandeln hinterfragt. Es ist unbestritten, dass Deutschland nach dem Ende des II. Weltkriegs durch die Hilfe der westlichen Siegermächte wieder auf die Beine kam. Dabei haben die Vereinigten Staaten einen wichtigen Beitrag geleistet – freilich nicht nur aus altruistischen Motiven. Für die meisten Deutschen ist es daher eine Selbstverständlichkeit, sich gegenüber dem Kommunismus abzugrenzen und den westlichen Alliierten die Treue zu schwören. Auch ich lasse keine Gelegenheit aus, mich kritisch mit dem Sozialismus auseinanderzusetzen. Wer aber aus dieser klaren Positionierung gegen kommunistische Gesellschaftssysteme ableitet, dass man sich in völliger Ergebenheit Amerika anschließen müsse, setzt sich dem Verdacht der Einseitigkeit aus. In der Welt des 21. Jahrhunderts ist es unklug und ungerecht, das Gute immer nur westlich des Atlantiks zu verorten, während das Böse stets östlich von Polen wohnt. Wer auf amerikanische Lügen zur Rechtfertigung des Irak-Einmarsches hinweist, wer feststellt, dass sich das Land in seiner 240-jährigen Geschichte fast ununterbrochen in kriegerischen Auseinandersetzungen befunden hat, wer anprangert, dass sich Europa nicht nur in der Türkei-Frage amerikanischen Militärinteressen unterordnet, ist noch lange kein Putinist.

Einige Kommentatoren – dies hat das WTC-Experiment gezeigt – sind zu dieser Differenzierung nicht fähig. Die kritische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des 11. September 2001 wurde von einem besonders aggressiven Angreifer gar in die Nähe der Holocaust-Leugnung gerückt. Da ist jedes Maß verloren gegangen. Ein anderer, der sein Profil in einem der sozialen Netzwerke demonstrativ mit der Flagge der USA illustriert, sekundierte begeistert, wenn entrüstet festgestellt wurde, dass wohl ein Handlanger antiamerikanischer Agitatoren sein müsse, wer die offizielle Version der Terroranschläge anzweifle. Fraglich, ob sich jene Eiferer, die sich blind vor Liebe vor ihren amerikanischen Schutzpatron werfen, ebenso vehement zur Wehr setzen würden, ginge es um ähnlich gravierende Vorkommnisse auf russischem oder chinesischem Boden. Es gibt Staaten wie Nordkorea, die aufgrund der Abschottung durch irre Despoten immer im Verdacht stehen, die Öffentlichkeit zu täuschen. Doch nicht erst die Snowden-Enthüllungen haben gezeigt, welche Ungeheuerlichkeiten sich im Verborgenen auch in Ländern abspielen, die wir für demokratisch und transparent halten. Blinde Wut und blinde Liebe sind keine klugen Wegbegleiter einer aufgeklärten Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, Regierungshandeln stets kritisch zu begleiten. Es ist gut, wachsam gegenüber Propaganda zu sein. Die Reflexe des “Kalten Krieges” sind dabei jedoch wenig hilfreich.

 

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4 Kommentare zu Das Experiment: “Ground Zero” – blinde Wut und blinde Liebe

  1. In Erwartung der dann auch eingetretenen Schlammschlachten habe ich mich von vornherein bewusst aus dem Getümmel herausgehalten. Was nicht heißt, das ich keine Meinung zur Thema hätte. 9/11 ist jedoch eines der Ereignisse jüngerer Zeit, aus dem sich die Sachlichkeit frühzeitig verabschiedet hat. Das Beste, was mir hätte passieren können, wäre wohl der Vorwurf unverbesserlich Naivität gewesen.

  2. Das Ereignis ist so überwältigend das zwangsläufig Emotionen ins Spiel kommen. Wenige sind nüchtern und emotionslos genug um ausschließlich sachlich mit dem Thema umzugehen. Persönlich halte ich die Hypothese von Explosionen durch geschmolzenes Alu in Verbindung mit Wasser für möglich.

  3. Ha, habs gerade auf “ef” gelesen.

    Tja, es gibt meist nur 2 Gruppen, diejenigen die die USA für alles verantwortlich machen und die anderen, die denen die Treue halten.
    Beides ist Unsinn ……so man es damit übertreibt.

    Persönlich denke ich, und ich hab einiges dazu gelesen, das man irgendwo im Apparat der US-Dienste wusste das da etwas kommt.
    Aber, nur schon ein abgehalfterter Mitarbeiter konnte da die Weiche auf ignorieren stellen. Der Apparat ist so gross das nie eine Hand genau weiss was die unzähligen anderen Hände machen.

    Wo Menschen sind geschehen Dinge die unglaublich anmuten, aber deswegen noch keineswegs eine “Verschwörungstheorie” rechtfertigen.

    Es sind nur ganz normale menschliche Opportunitäten die so ein Resultat zeitigen können.
    Ich halte das Washingtoner Establishment in den USA auch für eine verlogene Clique, aber so ist das eben seit es Politik gibt.

    Generell denke ich, sollten diese Dienste aktiv das Resultat gefördert haben und es kommt eines Tages ans Licht, werden die wohl den Rest ihres Lebens kein ungesiebtes Tageslicht mehr zu sehen bekommen.
    Das Risiko ist derart gross das ich denke es würde die meisten der “Skrupellosen” doch davon abhalten.

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    Aber, die Theorie im Artikel die ist bedenkenswert. Der kann man einiges abgewinnen, jedoch muss man abwarten ob sie sich ….oder Teile davon, durchsetzen werden.
    Nur, am Resultat ändert das nichts, denn verantwortlich sind die Täter voll und ganz.
    Die schwere der Schuld dieser Attentäter darf keineswegs gemindert werden indem man sagt ……..das eine andere Konstruktion der Twin-Towers nicht zum Einsturz geführt hätte.

    • Ich stimme Ihnen zu. Und wie Sie meinem Beitrag entnehmen, ging es bei dem Experiment auch nicht um die Bewertung der Vorgänge des 11. September 2001 an sich, sondern um den Umgang jener, die so gerne und laut nach Meinungsfreiheit rufen, mit abweichenden Meinungen.

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