Die liberale Montags-Kolumne von Ramin Peymani, Autor von “Das Grauen”

Der Tag der Befreiung: Merkels Scheitern als Neuanfang für die Demokratie

jamaika photo
Photo by despoticlick / pixabay

Als am späten Sonntagabend kurz vor Mitternacht die versammelte FDP-Führung vor die Kameras trat, erlebte Deutschland eine historische Stunde: Der 19. November 2017 wird als Tag der Befreiung in die Geschichtsbücher eingehen. Mit einer von vielen nicht für möglich gehaltenen Standhaftigkeit haben die Liberalen sich selbst und das Land gerettet. Trotz des ehrlichen Bemühens um eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mussten Christian Lindner & Co. am Ende feststellen, dass ihnen offenbar als einziger Sondierungspartei die Zukunft Deutschlands wichtiger war als die Sicherung der Wiederwahl Angela Merkels. Geschäftsführend darf die Kanzlerin nun noch bis zu ihrer Ablösung weitermachen – lange dürfte dies nicht sein. Hatte irgendjemand Zweifel, warum es die FDP im Bundestag braucht, dann war dies der perfekte Moment, um all diese Zweifel zu zerstreuen. Keine andere Partei hätte die Möglichkeit bekommen und zugleich die Kraft gehabt, das “System Merkel” zu beenden und für eine wirkliche politische Wende zu sorgen. Die nächsten Wochen müssen nun zeigen, ob es zu Neuwahlen kommt, oder sich – vielleicht auch mit anderem CDU-Personal – neue Konstellationen für eine Bundesregierung ergeben. In jedem Fall steht Deutschland vor der aufregendsten politischen Zeit seit dem Mauerfall. Dabei hinterlässt die Kanzlerin ein Land, dem es vordergründig gut geht, das aber tief gespalten und jeder Identität beraubt ist. So groß ist der von Angela Merkel angerichtete gesellschaftliche Schaden, dass der Wiederaufbau Deutschlands viele Jahre in Anspruch nehmen wird.

Merkels Kanzlerschaft, die unter dem Motto der Entdemokratisierung stand, geht ironischerweise mit einer gestärkten Demokratie zu Ende

Paradoxerweise muss man Merkel fast dankbar sein für die haarsträubenden Fehler ihrer Amtszeit: Die konzeptlose Zuwanderungspolitik, der naive Umgang mit dem Islam und die verkorkste Energiewende haben erst dafür gesorgt, dass eine in weiten Teilen von ihr selbst entpolitisierte Gesellschaft plötzlich die Lust an der politischen Debatte wiederentdeckt hat. Deutlich gestiegene Wahlbeteiligungen und ein leidenschaftlicher öffentlicher Diskurs zeugen von der neuen Lebendigkeit unserer Demokratie. Merkel war dies unheimlich. Die von ihr geführte “Große Koalition” hatte daher zum Ende ihrer Regierungszeit noch rasch ein Gesetz auf den Weg gebracht, bei dem die Stasi Pate gestanden haben könnte. Doch mit der unerbittlichen Verfolgung unerwünschter Meinungsäußerungen wurde nur erreicht, dass erstmals seit langer Zeit alle gesellschaftlichen und politischen Strömungen im höchsten deutschen Parlament abgebildet sind. So geht Merkels zwölfjährige Kanzlerschaft, die ganz unter dem Motto des “Nudging” und der Entdemokratisierung stand, ironischerweise mit einer gestärkten Demokratie zu Ende, in der die politischen Partner ihre Rolle selbstbewusst wahrnehmen. Im Bundestag wird es künftig eine echte Oppositionsarbeit geben, und die Bundesregierung wird – wie immer sie zusammengesetzt sein mag – nicht länger am Parlament vorbeiregieren können, wie dies unter Merkel üblich war. Statt Machtpolitik in Hinterzimmern wird es künftig wieder einen wirklichen parlamentarischen Diskurs geben können.

Mit versteinerter Miene werden uns nun die Slomkas, Miosgas und Klebers darauf vorbereiten, dass das Ende der Welt gekommen ist

Doch nicht nur der Geist Angela Merkels, auch das Jamaika-Gespenst ist vertrieben. Und niemand leidet so sehr darunter wie Deutschlands Journalisten. Mit versteinerter Miene werden uns nun die Slomkas, Miosgas und Klebers darauf vorbereiten, dass das Ende der Welt gekommen ist, weil ihre links-grünen Träume geplatzt sind. Sie werden Gift und Galle spucken, weil eine Partei Rückgrat gezeigt hat, obwohl die Journaille geglaubt hatte, dies uns allen längst abtrainiert zu haben. Und auch die Grünen selbst sind außer sich vor Wut, wissen sie doch, dass Merkel der letzte Strohhalm war, an den sie sich hätten klammern können. Ohne seinen Wirt ist auch der grüne Virus nicht überlebensfähig. Es droht die harte Oppositionsbank, die den Grünen wenig Profilierungspotential bieten wird. Der vermeintlich gestoppte Niedergang der Politsekte dürfte neue Fahrt aufnehmen, so sehr sie sich als Opfer darstellt. Und noch eine Oppositionspartei wird die nächsten Wochen gespannt verfolgen: Für die Zustimmungswerte der AfD wird nun entscheidend sein, wie schnell sich die Union erneuert. Gelingt es der CDU, umgehend eine gestandene Persönlichkeit als Merkel-Nachfolger zu präsentieren, während die CSU sich schnell von Seehofer trennt, könnten viele Hunderttausend Wähler zu ihr zurückkehren, die aus Protest gegen Merkel zur AfD abgewandert waren. Falls nicht, dürfte neben der beherzten FDP vor allem die AfD zulegen. Eine Neuwahl könnte die Kräfteverhältnisse im Bundestag also ganz schön verschieben. Nach der Ära Merkel scheint alles möglich. Haben wir keine Angst vor der Zukunft!

 

 

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6 Kommentare zu Der Tag der Befreiung: Merkels Scheitern als Neuanfang für die Demokratie

  1. Hätte ich Herrn Lindner und seiner FDP gar nicht mehr zugetraut – es gibt doch noch positive Überraschungen! Interessant und passend dazu: Heute früh die WDR2 Moderatorin war während des Interviews einer FDP Vertreterin offenbar tief getroffen und vor allem verständnislos!

  2. Ich spucke ungern Essig in den Wein – aber zum Einen ist mir die FDP (immer noch) allzu sehr eine One-Man-Show (nach ihrer Marginalisierung unter Rösler ist ein erneuter Aufbau eine zumindest mittelfristige Angelegenheit) und zum Anderen hätte ich es als Zeichen wirklichen Verantwortungsbewußtseins gewertet, wären zeitnah nach der BTW klare Ansagen gekommen: nicht mit Merkel, nicht mit den Grünen.

    So bleibt auch in der jetzigen (immerhin aussichtsreicheren) Lage für mich ein G’schmäckle – hat vielleicht wirklich nicht viel an einer Einigung gefehlt, welchen Preis wäre Lindner tatsächlich zu zahlen bereit gewesen?

    Nun zeigt sich in meiner nicht eben euphorisch geprägten Denkweise wohl auch ein tief sitzendes Mißtrauen gegen über einer Politkaste, die mit nur wenigen Ausnahmen über Jahrzehnte den Staats für sich vereinnahmt hat; insoweit mag es sein, daß ich Lindner zu negativ betrachte. Damit, daß eine Neuordnung des Polit- und Parteiensystems ansteht, gehen wir jedoch konform.

    Derzeit fehlen mir aber immer noch wirklich glaubwürdige personelle Alternativen. Die FDP ist Lindner (ich müßte tatsächlich für das weitere Personal erst nachschlagen), um Seehofer Platz schlagen sich mehrere Probanden, Grün ist keine wählbare Partei, die CDU wurde schon unter Kohl personell ausgehöhlt, die SPD ist ein trostloser Abklatsch, der von und in seinen Erinnerungen lebt, und die AfD bietet – ja, wen oder was eigentlich?

    Ja, ein Paradigmenwechsel steht wohl an. Aber eine Richtung zeichnet sich nicht ab. Und nach 3 Jahrzehnten grünen Unwesens sehe ich auch die wirtschaftlichen Rahmendaten deutlich skeptischer, als sich das auch den gängigen Statistiken derzeit ablesen mag.

  3. Hut ab vor Christian Linder und der FDP. Hätte nie gedacht, dass die FDP die Verhandlungen platzen lässt, aber zu Glück habe ich mich getäuscht.
    Das wenigstens die FDP nicht bereit ist sich bis Unkenntlichkeit zu verbiegen nur weil aus “Staatsräson” unbedingt eine Regierung gebildet werden muss (was für ein Unfug) ist bemerkenswert und zeigt das man aus dem Desaster 2013 gelernt hat.
    Leider scheint Frau Merkel überhaupt nichts zu lernen. Alleine die Drohung wieder anzutreten zeigt deutlich : Macht frisst Hirn.
    Das die deutsche Journalie Trauer tragen wird ist klar aber ehrlich gesagt niemand der sich wirklich mit Politik beschäftigt nimmt Slomka, Miosga oder Clausi Kleber wirklich ernst.

  4. Treffende Analyse, leider kriegen die Leidmedien soetwas gar nicht mehr hin, weil sie nur noch Duckmäuserpersonal ohne Verstand beschäftigen.

  5. In den letzten 12 Jahren++ habe ich mich turnusmäßig bzw. eigentlich ständig gefragt, wo eigentlich die BRD-Intelligenzija abgeblieben ist, im Land der Dichter und Denker?!? Man hört nichts, man sieht nichts, man liest nichts von ihnen – gibt’s die eigentlich überhaupt noch, diese Spezies in Merkelmania?!?
    Schließlich habe ich dann doch endlich noch einige wenige von ihnen gefunden, bei “achgut” und hier.
    Heureka!

    P.S.
    90% () der Aussagen von Fr. Slomka in diesem „Interview“ sind reine Statements und keine Fragen. Selbst die wenigen Fragen, die sie stellt, sind letztlich nur camouflierte Statements. Achtung, Chef*in hört mit!
    Ich persönlich würde Frau Slomka ab sofort das Substantiv „Journalistin“ entziehen, und ihr das Etikett Propagandistin ans GEZ-finanzierte Kostümchen antackern.

  6. Danke FDP!
    Der 19.11. war in diesem Jahr ein Volksfeiertag!
    Bitte weiter so und nicht einknicken!
    Das gibt bei Neuwahlen nach meiner Einschätzung mind. 5 % mehr!
    Lustig, dass die ARD- und ZDF-finanzierten (also von uns allen finanzierten) Meinungs”forschungs”institute bereits am Montag Abend für die FDP -2% vorhergesagt haben. Ich denke die haben für solche Umfragen (oder sollte man besser “Panels” sagen) ihre festen Telefonnummern.

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