Passend zur Schlussfeier in London stehen auch heute noch einmal die Olympischen Spiele im Mittelpunkt. Dem britischen Organisationskomitee kann man nur sagen: „Well done!“ Dies gilt leider nicht für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), den heutigen Träger des „Klodeckels“. Der hierzulande für den Sport zuständige Innenminister Hans-Peter Friedrich musste am Freitag zähneknirschend mit der Medaillenerwartung herausrücken, nachdem ein Journalist geklagt hatte. Zu gerne hätte man das Geheimnis für sich behalten, doch nun ist es amtlich: Der DOSB hatte gleich 86 Medaillen eingeplant, davon 28 goldene. So abenteuerlich erscheinen die Zahlen, dass man die Funktionäre gerne fragen möchte, von was sie nachts träumen. Niemals mehr seit Barcelona 1992 ist Deutschland bei Olympischen Sommerspielen auch nur in die Nähe einer derartigen Größenordnung gekommen. Im Gegenteil: Der Trend zeigt seit 20 Jahren nach unten. Dass am Ende trotz vieler Enttäuschungen mehr Medaillen heraussprangen als zuletzt in Peking, hat den Abwärtstrend bestenfalls gestoppt. Doch eine Nation mit den Möglichkeiten Deutschlands muss sich schon fragen, warum Anspruch und Wirklichkeit derart weit auseinanderklaffen. Gründe für das ernüchternde Gesamtergebnis in London gibt es sicher viele. Und natürlich haben Länder wie China, die USA oder Russland allein schon aufgrund ihrer schieren Bevölkerungsgröße Startvorteile. Das allein aber kann es nicht sein, sonst dürfte Australien mit nur etwas mehr als einem Viertel der Einwohnerzahl keine Chance haben, mit der deutschen Ausbeute mitzuhalten. Offenbar zu Recht beklagen deutsche Spitzensportler (übrigens gerade diejenigen, die in London trotzdem Edelmetall gewannen), dass Struktur und Größenordnung der deutschen Sportförderung nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Aber es ist nicht nur das Geld. Die meisten anderen Länder, vor allem jene, die in der Medaillenwertung vor Deutschland liegen, sehen die Spiele als Chance, durch olympische Erfolge die enorme Stärke ihrer Nation zu unterstreichen. Leider diskreditieren hierzulande linke Genossen dies allzu schnell als Nationalismus – und so darf Olympia hier nur hinter vorgehaltener Hand als nationale Aufgabe bezeichnet werden. In einem Land, das zunehmend am Virus der Gleichmacherei leidet und in dem Eliteförderung den Beigeschmack der Ungerechtigkeit hat, wird lieber in die Breite investiert statt in die Spitze. Wo linke Ideologien immer mehr Anhänger finden, die sich eine leistungsfreie Zukunft erhoffen, sind auch zunehmend weniger junge Menschen bereit, sich über die Schmerzgrenze hinaus zu quälen. Und es finden sich immer weniger Politiker und Funktionäre, die das Rückgrat haben, die Latte der Anforderung auf das höchste Niveau zu legen. Dies ist der Weg in die Mittelmäßigkeit, wie wir ihn in der Bildung längst beschritten haben. In Deutschland sind die Tage der Leistungsgesellschaft gezählt.
Olympia 2012 – Die naiven Träume deutscher Funktionäre
Der Publizist der Liberalen Warte


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