Wokeness und Cancel Culture: Die teuflischen Gotteskrieger der sozialen Netzwerke

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viarami / pixabay

Es wäre zum Totlachen, wäre das Ganze nicht so bitterernst. Und so zerstörerisch. Die völlig verrückte Cancel Culture, die bereits seit vielen Jahren im angelsächsischen Raum wütet, hat Deutschland voll erfasst. Eher unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat sie eine Schneise der Verwüstung durch die deutsche Hochschullandschaft geschlagen. Dort machte sie aber natürlich nicht Halt. In Behörden, Verbänden und Unternehmen muss um seinen Job fürchten, wer ein falsches „Like“ vergibt, einen flotten Spruch loslässt oder einfach nur über den falschen Witz lacht. Privates hat aufgehört privat zu sein. Jeder muss ständig damit rechnen, den Inoffiziellen Mitarbeitern der Lösch- und Zensurkultur zum Opfer zu fallen. Ein Denunziant, der die entsprechenden Konsequenzen in die Wege leitet, findet sich immer. Längst ist sie auch im Sport angekommen, die Vernichtungsgier des bösartigen Mobs, in dessen sektenhaften Blasen man sich gegenseitig der eigenen moralischen Erhabenheit versichert und zur Strecke gebrachte Meinungsabweichler sammelt wie einst die Indianer ihre Skalps. Übrigens hatten die frühen Vertreter einer totalitären Bewegung, die als Political Correctness viele Jahre später ihren Siegeszug in der westlichen Welt antreten sollte, lange beharrlich an der Lüge gestrickt, erst die nach Amerika eingewanderten Europäer hätten den Indianern die grausame Unsitte des Skalpierens beigebracht. Heute sind sich Historiker einig, dass nichts darauf hindeutet. Es war einer der ersten hinterhältigen Versuche der Bessermenschen, Täter zu Opfern zu erklären und den „schwarzen Peter“ jenen zuzuschieben, die nicht von Geburt an dunkelhäutig waren oder irgendwelchen Minderheiten angehörten. Das ist die einfache, aber wirkungsvolle Masche der politisch Korrekten.

Wenn der Mob jedes Mal Köpfe rollen lässt, fällt eine angeblich aufgeklärte Gesellschaft in die dunkelsten Zeiten des Mittelalters zurück

In den vergangenen Tagen haben gleich mehrere Aufreger das Treiben der PC-Meute in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Erst musste ein ehemaliger Fußball-Nationaltorwart seinen Hut nehmen, weil er einem früheren Bundesliga-Kollegen privat eine Nachricht geschickt hatte, mit der dieser sich in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit verschaffte und Journalisten triggerte. Einige Tage später stand der in der Opferrolle Badende selbst in der Kritik, weil er ins verbale Fettnäpfchen getreten war. Seinen Job im Sportfernsehen ist er erstmal los. Dazwischen hatte das Fußballergeplänkel den Weg in die Politik gefunden und Tübingens Oberbürgermeister ein Parteiausschlussverfahren eingebrockt. Die Welt ist verrückt geworden. Man kann gerne über Geschmack streiten, auch über die Wortwahl oder das, was mancher für Humor hält. Wenn aber ein kaum noch zu bändigender Mob jedes Mal Köpfe rollen lässt, sobald sich jemand im Ton vergreift, fällt eine angeblich aufgeklärte Gesellschaft in die dunkelsten Zeiten des Mittelalters zurück – inklusive Hexenverbrennung. Der Vergleich passt auch insofern, als die vermeintlichen Hexen damals beweisen mussten, dass sie keine Hexen sind, was naturgemäß ein unmögliches Unterfangen darstellte. Wobei wir bei einem weiteren Phänomen unserer Tage wären: Eine Gesellschaft, in der die Beweislast zunehmend umgekehrt wird, verabschiedet sich immer weiter von den Tugenden des modernen Rechtsstaats. Es reicht der konstruierte Vorwurf der „Richtigen“, um in der Falle zu sitzen. Wo es keine Hetzjagden gibt, ist es eben schwer, deren Absenz zu beweisen, wenn allein das Wort derer gilt, die sie gesehen haben wollen, aber keine Belege für ihre Behauptung mehr liefern müssen.

Die selbsterklärten Progressiven sind in Wahrheit rückständige Scharfrichter, die sich der barbarischen Sitten früherer Jahrhunderte bedienen

A propos Hetzjagden. Die gibt es zuhauf. Nur nicht so, wie irgendwelche von Zecken Gebissenen sie irreführend darstellen. Gehetzt werden alle, die sich der „Wokeness“, einer neuzeitlichen Kreuzung aus Religion und Maoismus, nicht unterwerfen wollen. Wer nicht gendert, kriegt Punktabzug, wer Satire zu massenkompatibel anbietet, keine Fernsehauftritte mehr. Und wer bei den falschen Toten kondoliert, ist seinen Posten im Tor der Eishockey-Nationalmannschaft los. Es klingt alles so absurd, so aus der Zeit gefallen. Die selbsterklärten Progressiven sind in Wahrheit rückständige Scharfrichter, die sich der barbarischen Sitten früherer Jahrhunderte bedienen. Hoffnung macht, dass dort, wo die Political Correctness seit zwei Jahrzehnten wütet, inzwischen der Widerstand wächst. Ähnlich dem Erwachen der islamfreundlichsten Länder Europas, die so lange weggeschaut und bagatellisiert hatten, wachen auch im angelsächsischen Raum mehr und mehr Verantwortliche auf. An die Spitze im Kampf gegen die Cancel Culture hat sich nun Großbritanniens Regierung gesetzt. Und sie kann sich dabei auf die Unterstützung prominenter Vertreter der Labour Party verlassen, die sich lange vor den Karren einer zerstörerischen Identitätspolitik hat spannen lassen. Auch Deutschland sollte im Umgang mit der „Cancel Culture“-Sekte schnell dazulernen. Es ist eine lautstarke Minderheit, die ihren Twitter-Krieg gegen Eigenständigkeit, Freiheit und Vernunft führt. Jeder Einzelne von uns hat es in der Hand, deren gesellschaftsfeindlichem Treiben ein Ende zu setzen. Machen wir den teuflischen Kriegern des Lösch- und Zensurkults klar, dass sie nicht mehr sind als bemitleidenswerte Ewiggestrige, die niemals in der Demokratie angekommen sind.

 

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11 Kommentare

  1. Meine Zustimmung, Herr Peymani – nur ein Einwand: verglichen mit dem enthirnten Furor der gegenwärtigen Unkultur war das „finsterste Mittelalter“ eine Periode von Scharfsinn und geistigem Feinheiten. In meiner Schulzeit hatte ich einen Lateinlehrer, der die politischen Zeitläufte mit dem Kreislauf der Kulturen kommentierte, was uns damals etwas kurios erschien. Allerdings habe ich heute den Eindruck, dass der Übergang von der Oligarchie zur Ochlokratie von Aristoteles oder Polybios klarer beschrieben wurde, als von jener Masse schwadronierender Sozialwissenschaftler pseudokritischer Provenienz, die die deutschen Lehranstalten bevölkern. Leider wird nach antiker Lesart der Pöbelherrschaft die Tyrannis folgen – da hoffe ich immer noch auf die Grenzen der angesprochenen Analogie. Vielleicht werden Ihre engagierten Zeilen dabei doch nicht vergeblich sein!

  2. Es sind irrationale Zeiten: der Westen schafft sich selbst ab. Die polit-mediale Elite ist verrückt geworden und zerstört die Grundlage ihrer eignen parasitären Existenz. Diese Krankheit ist vermutlich nicht heilbar. Erst wenn die „Normalos“ aufstehen und diese Verrückten verjagen, wird die westliche und die deutsche Gesellschaft wieder heilen.

  3. Menschen, die bei vermutetem Rassismus sofort konsequent und linientreu „aufräumen“, z.B. Herr L .Windhorst (Hertha BSC), machen mir ehrlich gesagt eher Angst.
    Auch eine Entschuldigung scheint wohl nicht mehr viel wert zu sein.

  4. „Es war einer der ersten hinterhältigen Versuche der Bessermenschen, Täter zu Opfern zu erklären und den „schwarzen Peter“ jenen zuzuschieben, die nicht von Geburt an dunkelhäutig waren oder irgendwelchen Minderheiten angehörten. Das ist die einfache, aber wirkungsvolle Masche der politisch Korrekten.“
    Ein toller Artikel, den ich mit Freude gelesen habe. Aber können sie bitte einmal das „nicht“ entfernen- das verdreht den Sinn.

    1. Vielen Dank für Ihre freundliche Nachricht. Allerdings muss das „nicht“ stehen bleiben, da sich sonst der Sinn der Aussage ins Gegenteil verkehrt.

      Herzliche Grüße,
      Ramin Peymani

  5. Das ist nicht „aus der Zeit gefallen“, das IST HIER UND HEUTE, unsere Zeit.
    Und es wird nicht einfach so verschwinden. Leider.

    „Die Zeit vergeht, sie weiß es nicht besser.“

  6. „““Auch Deutschland sollte im Umgang mit der „Cancel Culture“-Sekte schnell dazulernen.“““
    Deutschland, sehr geehrter Her Peymani würde das sicher auch gerne tun und können, wenn denn die antideuschen Sager in Berlin und den Provinzmetropolen – samt ihren folgsamen Gesinnungsschüfflern und Petzern – dieses (noch) Landes, nicht alles daran setzten, dieses zu verhindern. Es wird ihnen noch lange Zeit gelingen. Da werden sich andere Völker dieser Parasiten längst mit den Mitteln politischer und bürgerlicher Kammerjägerei entledigt haben. Wir Deutschen sind in manchen Dingen halt ein wenig träge und alles dauert etwas länger als anderswo. Das stellte Karl Eduard von Holtei (1798–1880) wohl mit seinem Mißfallen auch fest:
    Eine Narrheit abzuändern, wegzuschaffen ganz und gar, brauchet man in deutschen Landen wenigstens zweihundert Jahr‘. Hundert, um sie einzusehen hundert, um ihr zu entgehen.
    Es wird sich zeigen, ob er recht behält.

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