Das europäische Gefängnis: Guy Verhofstadts Lehren aus dem Brexit

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Es ist vorbei. Weg sind sie, die Briten. Zumindest offiziell. Denn bis zum Jahresende ändert sich noch nicht viel. Erst danach wird der Verlust des mit Deutschland zahlungskräftigsten und neben wenigen anderen Staaten der Demokratie am meisten verpflichteten Partners spürbar. Nun beginnt das zähe Ringen um die künftige Beziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Und beide Seiten versuchen sich mit kräftigem Säbelrasseln in eine vorteilhafte Ausgangsposition zu bringen. Dass man sich zusammenraufen wird, steht jedoch außer Frage. Niemand hat ein Interesse an einem zerrütteten Verhältnis der frisch geschiedenen Eheleute, die 47 gemeinsame Jahre aufarbeiten und sich ein neues eigenes Leben aufbauen müssen. Rachsucht ist da ein ebenso schlechter Ratgeber wie der Rückzug in die Schmollecke. Die Europäische Union hat derweil schon einmal klar gemacht, welche Konsequenzen sie aus der gescheiterten Ehe zu ziehen gedenkt: Verbliebene und zukünftige Partner sollen sich noch stärker der tonangebenden Brüsseler Gattin unterordnen, am liebsten sollen sie auch noch Ausgehverbot erhalten. Das zumindest fordert Brexit-Koordinator Guy Verhofstadt. Der Chefunterhändler des Europäischen Parlaments rief dazu auf, die Möglichkeit zum Ausscheiden aus der EU künftig zu unterbinden. Zwar liegt er richtig mit seiner Einschätzung, der Brexit markiere das „Scheitern der Union“, doch zieht er daraus die entlarvende Schlussfolgerung, man müsse die EU zu einem geschlossenen Club umbauen, in dem knapp 450 Millionen Menschen aus 27 Staaten mit den unterschiedlichsten Vorlieben, Traditionen und Kulturen zwangsverheiratet werden.

Zu groß ist die Sorge vor Nachahmern des Brexits, denn schon werden nicht nur in Polen Stimmen laut, die nach einem Austritt rufen

Zwang scheint das Mittel der Wahl, nachdem eine bürgerferne, selbstreferentielle Politkaste es über Jahrzehnte hinweg nicht vermocht hat, die Menschen des Kontinents für eine Union zu begeistern, die sich in Sonntagsreden als großes europäisches Projekt feiert, im Alltag jedoch als demokratieferne Ansammlung machtgieriger Apparatschicks daherkommt. Nun soll der Europäische Bundesstaat, den Europas Bürger mehrheitlich ablehnen, also in Form eines europäischen Gefängnisses durchgesetzt werden, lebenslange Haft(ung) inklusive. Wer einmal drin ist, kommt nicht mehr raus. Zu groß ist die Sorge vor Nachahmern des Brexits, denn schon werden etwa in Polen kräftige Stimmen laut, die nach einem Austritt rufen. Rasch will man die Zügel nun anziehen, um neue zermürbende Austrittsdebatten zu vermeiden. Zwar hat Brüssel vollmundig eine „Konferenz zur Zukunft Europas“ angekündigt, die den EU-Bürgern ab Mai zwei Jahre lang Gelegenheit geben soll, ihre Kritik in Gesprächsrunden zu artikulieren, doch wurde die zunächst vorgesehene Möglichkeit, die europäischen Verträge aufgrund der gesammelten Bürgerwünsche zu ändern, in letzter Minute wieder kassiert. Klarer kann man nicht dokumentieren, dass man sich als Zentralkomitee sieht, das über der Demokratie steht. Die Angst vor dem Machtverlust lässt sich geradezu mit Händen greifen. Und auch die vor dem Jobverlust. Für die meisten der obszön hoch bezahlten EU-Granden wäre anderswo kaum mehr ein Platz zu finden. Das gilt auch für Guy Verhofstadt, für den nach dem vollzogenen Brexit ein neuer Posten gefunden werden musste. Er wird – tataa! – Vorsitzender der „Bürgerkonferenz“.

Die Abschaffung der Beitrittsoption für einzelne Staaten bedeutet, dass eine Mitgliedschaft nur noch über die Annektierung möglich sein wird

Und so ist schon heute klar, was 2022 im Abschlussbericht stehen wird, der die Grundlage für den künftigen Zuschnitt der Europäischen Union bilden dürfte. Verhofstadt hat es deutlich formuliert: Die EU müsse in eine echte Union verwandelt werden, „ohne die Möglichkeit des Austritts, des Beitritts, ohne Rabatte, ohne Ausnahmen“. Er hat damit bereits den Blick über den Europäischen Bundesstaat hinaus geworfen. Denn die von ihm propagierte Abschaffung der Beitrittsoption für einzelne Staaten bedeutet, dass eine Mitgliedschaft dann nur noch über die Annektierung möglich sein wird. Wer sich dem von Brüssel aus gesteuerten Großreich anschließen will, muss fortan bereit sein, vollständig im Bundesstaat aufzugehen. Es ist diese – von Verhofstadt offengelegte – Perspektive, die die Kritiker einer sich immer weiter verselbständigenden europäischen Machtelite bestärkt und deutlich macht, wie gefährlich der Brüsseler Apparat ist. Denn die Überlegungen führen unweigerlich in die Unfreiheit. Allerdings haben Europas Mächtige ihre Lektionen aus den gescheiterten Versuchen früherer Regime gelernt: Die Bürger werden keinen Hunger leiden. Sie werden Zugang zu jedem erdenklichen Konsum behalten, notfalls mit staatlicher Alimentierung. Auch dürfen sie weiterhin (aus)reisen. An die Stelle unansehnlicher Grenzmauern, die Menschen am Fliehen hindern, werden weniger bedrohlich wirkende Austrittsbarrieren für ehemals souveräne Staaten treten. Nur das Verschwinden von demokratischer Mitsprache und Meinungsfreiheit markiert den Systemwechsel. Der Sozialismus hat seine Rückkehr gründlich vorbereitet. Die Briten hingegen haben die Mauerflucht gerade noch geschafft.

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3 Kommentare

  1. Jetzt legt die EU die Karten auf den Tisch. Der Eintritt ist frei und wird mit Werbegeschenken geködert. Dann schnappt die Falle zu. England wurde mit einem Rabatt geködert. Dann wurde der innere Zusammenhalt der Britten gelähmt, indem die EU mit den Beitragsgeldern Komplizen der EU mit EU-Privilegien korrumpierte. Das war das Trauerspiel mit glorreichem Austritt und einem Held: Boris.
    Die Engländer kennen jetzt „the beast“ EU. Den uns im Johannes-Evangelium(John) beschriebenen Leviathan, der damals den Handel zerstörte und den Untergang der Bronzezeit-Zivilisationen bewirkte.
    Nur mühsam lassen sich die geheimen Ziele der EU entdecken. Schon mit der Lissabon-Verfassung war der Staatsstreich gegen die Verfassungen der damaligen Mitglieder geplant, der nachher zurückgezogen wurde, als der Widerstand übermächtig wurde. Zur Tarnung und Täuschung fand eine Umbenennung in Lissabon-Vertrag statt. Die Verschwörung ist die Vorgehenswese der EU. Schön erläutert hat Junker: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ Bei Widerstand macht man einen taktischen Rückzug. Die Nationalstaaten sind offebar vergesslich und fallen auf jede Finte herein. Wenn wir die EU als Nachfolger des französischen Kolonialreiches sehen, dann versteht man die Schwierigkeiten der Befreiung. Die Kolonien Vietnam und Algerien konnten sich nur in blutigen Kriegen befreien. die Befreiungskriege der Deutschen von Napoleon sind in unserer kurzlebigen Zeit fast schon vergessen.
    Jetzt hofft die EU den Strick um den inneren Kern der EU-Mitlieder fester zu ziehen. Sie sollen für die Ewigkeit ihre Freiheit verlieren. Ein Novum in der bürgerlichen Vertragstheorie.
    Konsum und materielle Glückseligkeit, die Verhofstadt in Aussicht stellt sind großzügig. Man kann sogar die EU verlassen. DDR-Bürger werden das zu schätzen wissen. Wir fragen? Wer muß diese Phantastereien bezahlen? Bisher hat Merkel nur Deutschland als willige Beute eingebracht. Und seither feiern die EU-Pfründen-Inhaber wie Hyänen im Blutrausch dieses Schlachtfest.

  2. „Die Bürger werden keinen Hunger leiden. Sie werden Zugang zu jedem erdenklichen Konsum behalten, notfalls mit staatlicher Alimentierung. Auch dürfen sie weiterhin (aus)reisen.“
    Sie werden genau das: nämlich Hunger leiden. Das ist das deterministisch eintretende Resultat eines solchen Versuchs. Denn die staatliche Alementierung kommt ja nicht vom Himmel sondern muss von den Gefängnisinsassen, äh Bürgern, selbst erarbeitet werden.
    Und wie schnell man eine einigermaßen wohlhabende Nation oder Region in die Steinzeit zurückentwickeln kann ist aktuell gerade an Venezuela zu besichtigen. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

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